Strompreis 67 Cent wegen neuer Gaskraftwerke? Was an den Zahlen dran ist
Stimmen die 67 Cent pro Kilowattstunde?
Die Zahl 67 Cent stammt aus einer echten Studie, meint aber nicht den Strompreis auf deiner Rechnung. Gemeint sind gesamtgesellschaftliche Kosten neuer Gaskraftwerke inklusive Klimaschäden und Subventionen. Die reinen Erzeugungskosten liegen laut derselben Studie bei 23 bis 28 Cent pro Kilowattstunde.
Woher die Zahl kommt
Hinter der Zahl steht eine Untersuchung des Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft vom 9. März 2026, erstellt im Auftrag von Green Planet Energy. Das ist wichtig zu wissen: Auftraggeber ist ein Ökostromanbieter, der ein Interesse am Ergebnis hat. Die Rechenwege sind trotzdem offengelegt, und genau darin liegt der Unterschied, den die kursierenden Beiträge weglassen.
| Kostenart | Was drinsteckt | Wert |
|---|---|---|
| Stromgestehungskosten | Bau, Brennstoff, Betrieb, CO2-Preis | 23 bis 28 ct/kWh |
| Gesamtgesellschaftliche Kosten | zusätzlich Klimaschäden, Methanemissionen, Subventionen, Importabhängigkeit | bis zu 67 ct/kWh |
| Wind und Solar, neu gebaut | Erzeugung ohne Brennstoffkosten | unter 10 ct/kWh |
| Erneuerbare mit Speicher-Backup | Erzeugung plus Absicherung | 20 bis 30 ct/kWh |
Der Sprung von 28 auf 67 Cent entsteht also nicht an der Steckdose, sondern in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung. Wer die 67 Cent als künftigen Haushaltsstrompreis ausgibt, zitiert die Studie falsch. Der eigentlich interessante Vergleich steht in der letzten Zeile: Erneuerbare mit Speicher liegen unter den reinen Erzeugungskosten von Gas.
Was die Bundesregierung wirklich beschlossen hat
Das Strom-Versorgungssicherheits- und Kapazitätengesetz ist am 22. Juli 2026 in Kraft getreten. Ausgeschrieben werden 11 Gigawatt innerhalb von zwölf Monaten, weitere Runden folgen 2027 und 2029. Der Kapazitätsmarkt soll 2031 starten, alle geförderten Kraftwerke müssen wasserstofffähig gebaut werden und ab 2045 klimaneutral laufen.
Der Zweck ist tatsächlich der, von dem in den sozialen Medien die Rede ist: Absicherung für Zeiten, in denen weder Wind weht noch Sonne scheint. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche hatte dabei mehrfach 20 Gigawatt gefordert und sich mit dieser Größenordnung nicht durchgesetzt.
Offen ist die Finanzierung. Die Bundesregierung schreibt, sie habe die Belastung der Verbraucher durch eine mögliche Umlage ab 2031 im Blick, entschieden werden soll der Mechanismus erst in einem eigenen Gesetz, voraussichtlich 2027. Konkrete Beträge nennt sie nicht. Wer heute eine Zahl für 2031 in den Raum stellt, rechnet also mit Annahmen, nicht mit Beschlüssen.
Ist der Strompreis zuletzt überhaupt gestiegen?
Nein, im Gegenteil. Der durchschnittliche Haushaltsstrompreis liegt 2026 bei rund 37,0 Cent pro Kilowattstunde und damit etwa 2,3 Cent unter dem Vorjahreswert von 39,3 Cent. Grundlage ist die Strompreisanalyse des BDEW für einen Haushalt mit 3.500 Kilowattstunden Jahresverbrauch.
| Bestandteil | 2026 | Tendenz gegenüber Vorjahr |
|---|---|---|
| Beschaffung und Vertrieb | 15,2 ct/kWh | leicht gesunken |
| Netzentgelte | 9,3 ct/kWh | rund 1,6 ct gesunken |
| Steuern, Abgaben, Umlagen | 12,6 ct/kWh | unverändert |
| Gesamt | 37,0 ct/kWh | rund 2,3 ct gesunken |
Warum der Rückgang wenig über morgen aussagt
Der Rückgang kommt fast vollständig aus den Netzentgelten, und der hat einen politischen Grund: Der Bund bezuschusst die Übertragungsnetzentgelte 2026 mit 6,5 Milliarden Euro. Das drückt die Netzentgelte im Schnitt um etwa 1,7 Cent pro Kilowattstunde netto. Der Zuschuss gilt ausdrücklich nur für dieses eine Jahr.
Für 2027 sind nach derzeitiger Planung rund 5,5 Milliarden Euro vorgesehen, also etwa eine Milliarde weniger. Verivox rechnet daraus mit etwa drei Prozent höheren Netzentgelten und rund einem Prozent höherem Haushaltsstrompreis. Für einen Dreipersonenhaushalt mit 4.000 Kilowattstunden wären das grob zwölf Euro mehr im Jahr.
Damit lässt sich die Frage, ob Strom billiger wird, ehrlich nur so beantworten: Er ist es gerade geworden, aber nicht weil die Erzeugung günstiger wurde, sondern weil der Staat einen Teil der Rechnung übernommen hat. Ob er das weiter tut, entscheidet sich jedes Jahr neu im Haushalt. Dazu kommt ab 2031 eine mögliche Umlage für den Kapazitätsmarkt, deren Höhe niemand kennt.
Beide Seiten in der Debatte
- Befürworter argumentieren, ohne steuerbare Reserve lasse sich eine Dunkelflaute nicht überbrücken, und Batterien allein reichten dafür heute nicht
- Kritiker halten dagegen, dass Gaskraftwerke über die Laufzeit teuer werden und den Ausbau von Speichern und Flexibilität ausbremsen
- Beide Seiten rechnen mit unterschiedlichen Kostenbegriffen, was den Vergleich der Zahlen unbrauchbar macht
- Unstrittig ist, dass die Absicherung Geld kostet und dass dieses Geld am Ende über Umlagen oder Steuern bei den Verbrauchern landet
- Ebenfalls unstrittig: Jede Kilowattstunde, die ein Haushalt selbst erzeugt und verbraucht, ist von dieser Rechnung nicht betroffen
Eine sehenswerte Einordnung der Kraftwerksfrage liefert der Energieprofessor Volker Quaschning in seinem Realitätscheck zu neuen Erdgaskraftwerken. Das Video stammt vom Mai 2025 und damit aus der Zeit vor dem Gesetz, die grundsätzlichen Rechenwege gelten aber weiterhin.
Was das für deinen Solarspeicher bedeutet
Die Debatte zeigt vor allem eines: Der Strompreis ist keine technische Größe, sondern eine politische. Er hängt an Haushaltsentscheidungen, Zuschüssen und Umlagen, die jedes Jahr neu verhandelt werden. Wer seinen Strom vom Netz bezieht, wettet damit unfreiwillig auf diese Entscheidungen.
Eigenverbrauch nimmt dich aus dieser Wette heraus. Jede Kilowattstunde vom eigenen Dach kostet weder Netzentgelt noch Umlage noch Stromsteuer, und ein Solarspeicher verschiebt genau die Kilowattstunden in den Abend, die du sonst für wenige Cent einspeisen würdest. Mit passend dimensioniertem Speicher lässt sich der Eigenverbrauch typischerweise auf 60 bis 80 Prozent heben, der Autarkiegrad steigt entsprechend.
Das ist der eigentliche Punkt hinter der 67-Cent-Aufregung. Ob die Zahl am Ende 30, 40 oder 50 Cent lautet, ändert an der Richtung wenig: Der Anteil, den du selbst in der Hand hast, ist der einzige, der nicht von Berliner Beschlüssen abhängt. Wie viel das bei deinem Verbrauch ausmacht, rechnest du am schnellsten mit dem Stromkosten-Rechner aus.
Fragen zu Strompreis und Gaskraftwerken
Werden die Strompreise 2027 steigen?
Kostet Strom aus Gaskraftwerken wirklich 67 Cent pro Kilowattstunde?
Wie hoch ist der Strompreis 2026 im Durchschnitt?
Schützt ein Solarspeicher vor steigenden Strompreisen?
Einordnung, keine Rechtsberatung. Dieser Beitrag gibt den Stand vom 7. August 2026 wieder. Gesetzgebung, Zuschüsse und Preisbestandteile ändern sich laufend, und die Finanzierung des Kapazitätsmarkts ist noch nicht entschieden. Verbindlich sind die genannten Gesetzestexte und die Angaben deines Netzbetreibers. Für Vollständigkeit und Aktualität übernehmen wir keine Gewähr.
Quellen
- Bundesregierung: Stromversorgungssicherheit im Kabinett beschlossen
- Deutscher Bundestag: Bundestag beschließt Sicherung der Stromversorgung
- Green Planet Energy: FÖS-Studie zu den Kosten neuer Gaskraftwerke, 9. März 2026
- BDEW: Strompreisanalyse
- Bundesregierung: Niedrigere Netzentgelte für 2026